Mittwoch, 23. August 2017

...nicht immer nur "jööö!"


„Du bisch Chindergärtneri!? Jö, da isch sicher mega härzig! Rüebli schelä und chli spiele mit de Chind… „ Jaja, chli spiele und alles ist härzig klein und jööö, denke ich mir und bin mich ja gewöhnt, dass das die Antwort meines Gegenübers ist. Geht doch allen gleich, mit den Klischees:

Zahnarzt – chli is Muul ieluege und en huere Zapfe abkassiere

Coiffeuse – chli Hoor schniide und guet usgseh

Sportlehrer – chli Brennball spiele mit de Kids

Arztgehilfin – chli fründlich lächle und s‘Telefon abneh! (selber so erlebt)

Hausfrau – de ganz Tag ofem Sofa hocke und Klatschheftli läse! (sowieso selber so erlebt)

Psychologe – ide Praxis hocke und chi zuelösle

Richter – sich de ganz Tag mit Striitgüggel omeschloh… aso fascht wie Huusfraue, äfach ohni Klatschheftli?

Lokführer – de ganz Tag dör d Schwiz fahre und d Landschaft gnüsse

Krankenschwester – entweder gsehsch sexy us oder bisch echli en Drache

Journalist – chli Prichtli schribe und fotografiere

Kaufmännischer Angestellter – chli kopiere und Kafi useloh

Skilehrer – chli schöne Russine lerne Skifahre und de Rescht vode Zyt chli Jagertee gödlä

So ist es doch. Nicht? Aber wir Kindergärtnerinnen haben ganz klar das schönste Jöbli der Welt:  Chli spiele, chli singe und dazwischen mal aus einem Öpfeli ein Chäferli schnitzen. Was will man mehr!? Es läuft alles von allein, niemand hat Heimweh, alle wissen wann der Bisi kommt und niemand sucht seine Mütze oder sein Täschchen. Eine Freude und Harmonie, keinen Streit, keine Ginggs und schon gar kein „denn bisch halt nüme mini Fründin!“ Denkt ihr? Denken alle…

Da kommen über zwanzig kleine Menschlein zu uns, die eigentlich Mama und Papa als die allerliebsten Menschen überhaupt haben. Danach Oma und Opa – oder auch Oma und Opa davor. Egal. Sie wollen manchmal keine neue „Tanten“. Schon gar keine, die ihnen sagen, wie sie sich benehmen sollen. Und sie wollen auch kein Kind sein in einer Gruppe mit über zwanzig andern Kindern -  manchmal. Manche finden es von Anfang an super, andere nach einem halben Jahr noch nicht so richtig. Und so überzeugen wir kleine Menschleins, die weinen und nichts lieber als Mama haben wollen davon, dass sie halt hier sein müssen. Mit uns. Und so ist es manchmal ganz schön tricky für uns „Tanten“. Und gar nicht so „jöö!“

Und dann sitzen wir auf den Stüehli und alle sitzen still! Am Schluss vom Schuljahr. Manchmal. Und irgendwann essen wir unsern Znüni. „Sodeli, etz ässed mer Znüni. Fritz und Fränzi, holed ehr bitte gad de Täschlichorb. So rennen Fritz und Fränzi los, halb verhungert und ignorieren das „wiär löifa im Chindärgartu“ und verteilen danach die Einhorn- und Feuerwehrtäschchen und wissen genau, wem welches gehört! Nach einem gemeinsamen Lied beginnen die Kinder, ihre Köstlichkeiten auszupacken. Zu schade, dass Tante Yvette und Tante Fabienne gesagt haben, man dürfe nix Süsses bringen! Hätte einem doch so eine feine Extraportion Milch mehr gezogen, als das Rüebli oder die Apfelschnitze. Dann und wann bringt der Nachbar links „Petit beurre-Biscuits“ mit. Niammi! Und Tante Yvette und Tante Fabienne sagen: „Das ist eine Süssigkeit!“ Warum die trocknen „Petit beurre“ unter Süssigkeiten gehen, verstehen Fritz und Fränzi nicht – die sind auf der Süssigkeiten-Weltrangliste nämlich weit hinter Platz 50! Also schon fast bei Frucht und Gemüse! Und der Nachbar zur Rechten bringt manchmal so feine Joghurtdrinks mit! Süss hin oder her – die sind megafein, findet Fränzi! Nur zu schade, stolpert Fritz beim Gang zum Abfalleimer über das Getränkli und die ganze Milch verteilt sich auf dem Kindergartenboden. Die Tanten kriechen nun auf ihren Knien durch den Kindergarten und putzen das Gschmier auf. Schade um das feine Säftli! Und da ruft auch schon jemand aus der Runde: „Au nei! I mim Täschji hät miär miini Mama eswas grüsigs drigita!“ Tante Fabienne schaut nach. Fein! Ein 1000-Vitaminli-Squees-Getränkli hat sich verselbständigt und ist rausgekommen aus der Verpackung und macht sich nun im schönen Bob-de-Baumaa-Täschli breit. „Wä, das gseht apa grüsig üs!“ So vergeht die Znünizeit im Nu und Tante Yvette und Tante Fabienne wundern sich, wieso die Pause nicht mehr bezahlt wird vom Staat Wallis! Weil von Pause kann hier keine Rede sein – zumindest für die Tanten…

Bald ist es dann Zeit um Tschüss zu sagen, wir suchen Täschli, binden Schuhe, schliessen Reissverschlüsse, rennen Kindern mit Finken nach, damit diese im Kindergarten bleiben. Die Kinder laufen heim und wenn Mama fragt: „Wa hend ehr hüt gmacht im Chindergarte?“ Dann meint das Kind mit „Nix!“ soviel wie wenn die Hausfrau daheim auf dem Sofa hockt und Heftli liest oder die Arztgehilfin „chli fründlich lächlet“. Aber wir Tanten finden „Nix!“ beinhaltet Spielen, streiten, malen, singen, tanzen, turnen, essen, Konflikte lösen, selber aufs WC gehen, selber anziehen und auch mal das Täschli suchen. Nix heisst vielleicht auch: „Es war soo viel, ich mag gar nicht alles erzählen, Mama. Frag mal Yvette und Fabienne, die fanden es heute echt intensiv mit uns!“

Und so finden wir, unser Job ist zwar nicht immer „jööö“, aber doch der schönste der Welt.

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