Das waren noch Zeiten, als wir in rot-weisser Fanmontur an Natispiele reisten. Wir freuten uns schon Tage, ja Wochen vorher auf das bevorstehende Spiel und reisten jeweils extra früh an, damit wir möglichst die ganze Stimmung und das ganze Drumherum so richtig geniessen konnten. Und als Ostschweizer waren diese Reisen ja immer bis Bern oder Basel, im Espenmoos durfte die Nati höchstens mal gegen San Marino ran... Das Highlight war da sicher ein Länderspiel in Dublin, wobei es um jene Reise allein schon unzählige Blooschts zu scheiben gäbe... Oder als 4. Klässlerin mit 48 000 Zuschauern im alten Wankdorf - das war auch eindrücklich, ja fast "verdrücklich" für ein Kind...
Ja, da sassen wir also gestern vor dem Fernseher. Wir starrten ihn an und waren zutiefst enttäuscht, dass es nicht geklappt hat mir der Viertelfinalteilnahme. Warum köpfelte Dzemaili nur an den Pfosten? Warum versiebten sie die wenigen, aber guten Chancen in der ersten Halbzeit? Und warum nur spielt Messi die Bälle so genau und sein Kollege läuft noch mit? Der hätte doch einfach auf der Mittellinie einen Wadenkrampf haben können, dann wäre uns Schweizern also mehr gedient gewesen! Fragen über Fragen, Thesen, Spekulationen... Schade! Trotzdem bin ich natürlich stolz auf unsere Multikultinati mit den cleveren Spielern, die in jedem Moment das Richtige machen, einen Spurt, ein Dribbling oder auch eine Schwalbe um einen Freistoss zu provozieren und dabei so unschuldig schweizerisch dreinzuschauen, als ob das doch alles nicht wahr sein könnte und man doch wirklich nie im Leben jemanden täuschen würde! Nix gegen Huber und Müller - aber das südländische Blut unserer Elf ist in solchen Momenten echt von Vorteil, das bisschen "frech"! Und sie haben es uns doch allen gezeigt, wir, die doch vielmals meinen, wir brauchen all die "fremde Fötzel" imfall nicht! Sind wir uns da so sicher? Ich denke, es gibt den einen und anderen "fremden Fötzel", auf den wir echt stolz sein können!
Pünktlich zum Anpfiff war die erste Windel voll... Kann das nun sein? Es sind keine vier Minuten gespielt und schon muss ich vom TV weg. Gut ist, dass man sich nicht durch jene Fans hindurch quetschen muss, damit man aufs WC gelangen kann "exgüsi", "sorry schnell", "Achtung", nein, ich spurte los, quasi so wie Shaqiri zum Spurt ansetzt und hole Windel und Feuchttüechli und befinde mich nach diesem Spurt schnell wieder auf meiner Position - dem Sofa. Dort wird die Windel getauscht, immer die Spieler im Auge, damit ja nichts verpasst wird.
Die Kinder gurkts nach einer Viertelstunde an. "Chömmer etz Kika luege?" - Wie bitte? Wohl nicht euer ernst, denke ich mir und versuche sie mit sanfter Manipulationsstimme davon zu überzeugen, doch mit uns den Match zu schauen. "Lueg, de Chlinscht isch imfall de Bescht, de muemmer kenne! Und dä Schär isch sogär vo de Oschtschwiz, quasi en Öserige (wenn man im Wallis wohnt, sind Wiler quasi Öserigi- und auch für Appenzeller daheim ist ein Wiler ein Öserige, wenn er in Brasilien mittschuttet - dass der FC Wil und der FCSG nicht grad Freunde sind, stört uns dieses Mal auch nicht sonderlich...)!" Sie erfassen kurz genannte Spieler und beginnen dann, auf dem Sofa zu hüpfen. Die Kleinste geht vor den TV und berührt den Shaq grad mal mit der Hand und vergisst dann, wieder vom Bildschirm wegzugehen. Hilfeeee! Dazwischen kommt das eine oder andere Kind auf die Knie (und somit vors Gesicht) und frägt etwas furchtbar wichtiges. Endlich merken sie, dass man vor dem Fernseher am Boden doch die Briobahn aufstellen könnte und kommentieren ihr Spiel in aller Lautstärke, so, dass wir des Sascha Rufers holde Kommentare nicht mehr hören. Aber wengistens sitzen alle am Boden und somit nicht im Bild! In der 30. Minute haben alle wie angeworfen Hunger: "I ha soooo hunger, Mami, chum etz go Znacht mache!" Liebe Kinder, das ist wohl wieder nicht euer ernst!? Ich komme jetzt logo nicht Znacht machen!
Zur Pause gibt es keine Sanggaller Bratwurst und kein Bier und auch kein Herumzappen auf das Deutsche Fernsehen um zu hören, was die alles konstruktives über uns Schweizer sagen, sondern ich setze erneut zum Spurt an, stoppe vor dem Kühlschrank und stelle in Windeseile in einem 4-4-2 Tassen, Butter, Joghurt und Brot auf den Tisch. Die Kinder freuts und ich sehne mich nach der Sanggaller Bratwurst und dem Bürli im guten alten Espenmoos, wo im Lautsprecher "un' estate italiana" ertönt... Wir fachsimplen über Käse, tragen einen Zweikampf in wer-darf-welches-Jogurt-haben aus und stossen mit der kalten Milch auf die Nati an - oder so ähnlich. Dann gehts weiter - der Kampf um den Viertelfinalplatz!
Mittlerweilen haben die Kinder gemerkt, dass man die Frage wegen Kika nicht mehr stellen muss und dass vor dem TV rumgumpen oder "lueg mol wieni cha tanze" fehl am Platz sind. Sie spielen nun Lego. Mein Mann und ich sind uns einig, dass nach den 90 Minuten die Kleinste ausgewechselt wird und nicht duschen, sondern ins Bett geht. Nach der regulären Spielzeit reicht es aber nur für Schuhe, äh Zähne putzen und dann gehts schon weiter. Die Kleine noch wach, aber total k.o. - aber immerhin keine Wadenkrämpfe und das ist es, was momentan zählt! Nach den weiteren 15 Minuten gönnen wir uns ein erstes Zappen-auf-den-deutschen-Kanal-und-ignorieren-aller-Schlafenszeitidealen... Es ist einfach zu spannend, sorry Kids!
Und dann kommt die 118. Minute! Ich sagt dazu nichts, es ist zu bitter, ich verdräng es lieber wieder! Die Kinder sind leicht verstört, weil wir beiden Erwachsenen etwas austicken, vom Rumfluchen über Sofa erschlagen bis Hände vor den Kopf und jammern - alles innerhalb von drei Sekunden! Und sie sind das erste Mal ganz still und merken, dass man jetzt wohl besser keinen Hunger oder keinen Kika-Wunsch oder sonstiges äussern muss!
Fussball und Kinder - eine spannende Erfahrung für uns! Fussball und elterliche Emotionen - eine spannende Erfahrung für die Kinder! Es lebe der Fussball!