Mittwoch, 6. Januar 2016

Dreikönigskinder

Liebe heutige Kinder
Ich bin ein Kind der späten 70er-Jahre und möchte euch gerne mal erzählen, wie wir den Dreikönigskuchen assen. Man las ein Stück aus, grübelte das Teil auseinander und war ein weiteres Jahr im Stillen enttäuscht, dass es dieses Jahr wieder nicht gereicht hat. Ja, man war froh, dass es einen Dessert gab, das war nämlich nicht täglich der Fall. Man bestaunte die schöne goldige Kartonkrone, welche ein anderes Familienmitglied stolz trug und fragte dann lieb,... ob man diese evt. haben dürfe, wenn sie dann nach drei Monaten und zehn Risse mit Klebeband geflickt später beinahe im Abfall gelandet wäre. Und so war man kurz vor Ostern dann auch ein bisschen Königin.
Ja, ich versteh euch echt gut. Ihr habt es viel schwerer in der heutigen Zeit. Da ist man 364 Tage lang König der Familie - manchmal sogar Tyrann! Und dann darf man den einen Tag NICHT König sein? Wer soll das verstehen? Wessen Frustrationstoleranz wäre da nicht ebenfalls überfordert? Kurzum gibt es einen Tobsuchtanfall, bei Tyrannen auch gerne mal zerkleinerte Möbelstücke und das Küechli, das doofe, fliegt logischerweise unter den Tisch, das hat man in der heutigen Zeit eh nicht mehr gerne, ist ja gar keine Süssigkeit, sondern Brot. Ja genau! "Das hani äbu nid gäru!"
Wäre es in der heutigen Zeit nicht "realitätsgetreuer", man hätte einen Kuchen à la Russischem Roulette: alle, bis auf eine Person haben einen König (die sie ja eh schon sind) und die, die keinen hat, jene Person kommt mal so richtig unter die Räder - bisschen Mobbingabhärtung, wennd weisch wani meine. Alle ziehen über sie her, alle sind gemein, ausschaffen sowieso und überhaupt. Mit solchen Sachen könnt ihr, Kinder des Jahres 2016 vielleicht besser umgehen, als wenn nur jemand König ist?
...ein Volk voller Könige - wenn das nur gut geht...
Ein Gruss von einem Kind der späten 70er-Jahre - zwei oder dreimal König gewesen am Dreikönigstag, hey! Und lebt immer noch!

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